Warum die Leute NICHT zu doof sind zum Lesen

Ein Plädoyer für mehr Selbstkritik im Alltag

Das Thema begegnet mir regelmäßig, sei es in meinen Seminaren oder im Gespräch mit Freunden. Vielleicht kommt Ihnen das ja bekannt vor: Sie schreiben etwas  und diejenigen, die es lesen sollen, verstehen es einfach nicht. Sie antworten nicht, machen nicht das, was sie sollen, und so weiter. Die erste Reaktion von vielen: „Ja, sind die denn zu doof, das richtig zu lesen?“ Warum das oft nicht der Fall ist und Sie sich vielleicht an Ihre eigene Nase fassen müssen.

Wie oft höre ich diesen Satz: „Die Leute sind halt einfach zu blöd zum Lesen.“ Es geht um Texte beliebiger Art. E-Mails an Kollegen, Ankündigungen auf der Website, Ausschreibungen für Dienstleister. Jedes Mal haben die Leute etwas für eine bestimmte Zielgruppe formuliert und jedes Mal kam nicht das gewünschte Resultat – keine Antwort, falsche Unterlagen, fehlende Dokumente.

Und wer war schuld: Der Leser.

Natürlich.

Selbstverständlich nicht derjenige, der es geschrieben hat.

Denn selbstredend war der Text in jedem Fall so verständlich, dass ihn sogar ein Schulkind hätte verstehen können. Und überhaupt werden die Leute ja immer dümmer. Was hätte man an dem Text / der Mail / etc. schon falsch verstehen können?

So oder ähnlich lautet die Aussage jedes Mal.

„Vielleicht war der Text ja auch einfach schlecht?“

Und jedes Mal ernte ich mit meiner Antwort darauf verdutzte Gesichter. Die lautet:

„Vielleicht war der Text ja auch einfach schlecht?“

Das sitzt dann meistens erst mal. Und ich darf mich jedes Mal erklären. Das tue ich gerne. Weil es mich – gelinde gesagt – nervt, dass immer die anderen schuld sein sollen, wenn ein Text nicht richtig verstanden wird.

Ich meine, ernsthaft? Sind wir alle frei von Fehlern und so begnadete Schreiberlinge, die tolle Texte verfassen, die jeder sofort versteht? Die Betonung liegt auf SOFORT versteht.

Nicht der Leser ist in der Verantwortung, sondern der Absender!

Wenn ich eine E-Mail schreibe und darauf nicht die gewünschte Antwort bekomme, greife ich mir immer zuerst an die eigene Nase und frage mich, warum derjenige es falsch verstanden haben könnte und was ich hätte besser schreiben können.

Es stört mich, dass immer der Empfänger derjenige sein soll, der Zeilen interpretieren muss, die vielleicht missverständlich sind – und dann auch noch so auslegen soll wie der Absender es sich gedacht hat.

Denn genau das ist der Punkt: Sehr oft sind Texte eben nicht ein-eindeutig und lassen Spielraum zu. Oder sind so verschachtelt geschrieben, dass man es mehrmals lesen muss und nicht genau die Information herausfiltert, die für den Absender die essenzielle war.

Welche Fragen Sie sich vor dem Schreiben stellen sollten

Keiner hat Zeit und Lust Texte doppelt und dreifach zu lesen!

Wer hat darauf schon Lust? Geschweige denn: Wer hat dafür Zeit, in einer Welt, wo Mails und Nachrichten einprasseln auf uns? Wie kann ich ernsthaft verlangen, wenn ich etwas von jemandem will, dass derjenige meine Zeilen interpretiert? Ich persönlich finde das eine Frechheit.

Es ist überhaupt keine Schande, wenn beispielsweise eine Mail einen Gedankensprung enthält oder langatmig und verschachtelt formuliert ist. Vielen fällt es schwer, sich kurz und knapp auszudrücken (das ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen in meine Seminare kommen). Aber dann zu meinen, dass nicht das eigene Handicap die Ursache ist, sondern der andere zu doof ist, das richtig zu lesen – das geht in meinen Augen nicht.

In meinen Seminaren gibt es oft leuchtende Aha-Momente, wenn wir die Grundregeln für leserfreundliche Texte erarbeiten oder ich erkläre, wie ein Schreibprozess abläuft. Oft sagen mir Teilnehmer noch direkt im Seminar „So würde ich das jetzt nicht mehr schreiben“, wenn sie in der Übung ihren Text bearbeiten.

So kommen Sie auf den Punkt – Drei Tipps, wie Sie ab jetzt wirklich treffend formulieren

Anspruch vs. Eigeninteresse

„Ein bisschen Anspruch habe ich schon noch an die Menschen“ kommt mindestens ebenso häufig in der Diskussion um die ach so doofen Leser auf. Man könne es von den Menschen schon noch verlangen, dass sie komplizierte Texte erfassen könnten. Das darf man auch.

Aber doch nicht, wenn es um „Gebrauchstexte“ geht, wie sie E-Mails zum Beispiel sind. Wenn ICH möchte, dass jemand etwas tut, dann bin ICH in der Verantwortung, dass ich es ihm so einfach wie möglich mache, das zu erfassen – schließlich bin ich derjenige, der etwas von ihm möchte. Ich schneide mir doch ins eigene Fleisch, wenn der Empfänger es eben nicht versteht, nur weil ich den Anspruch habe, dass er meine komplexen Sätze versteht.

Diagnose: Realitätsverweigerung

Ich kann das natürlich verlangen, aber in meinen Augen grenzt es auch ein bisschen an Realitätsverweigerung. Für mich hat es nichts, aber auch überhaupt nichts, mit Verdummung zu tun – eher mit dem vorherrschenden Zeitdruck und der Informationsflut, die dafür sorgt, dass Texte immer öfter überflogen als Wort für Wort gelesen werden.

Manch einer meint ja auch, seine Kompetenz / Freigeistigkeit / was auch immer darstellen zu müssen, indem er Sätze formuliert, die über mehrere Zeilen gehen. In manchen Bereichen, wie der Verwaltung, ist das an der Tagesordnung. Ich halte davon nichts.

Denn es ist gerade im Gegenteil eine besondere Leistung komplexe Informationen so darzustellen, dass sie jeder direkt versteht. Und noch mehr: Eine Studie der Princeton University von 2005 zeigt, dass jemand, der extrem kompliziert schreibt, als weniger intelligent wahrgenommen wird.

Wenn Sie sich hochgestochen ausdrücken,  weil sie als besonders gebildet wahrgenommen werden wollen, erreichen Sie genau das Gegenteil.

Mehr zur Studie: The Secret Of Impressive Writing? Keep It Plain And Simple

Wie Sie in vier Schritten knackigere Texte formulieren

Es ist IHRE Verantwortung, dass der Leser Ihren Text versteht

Hinterfragen Sie sich!

Ich habe bereits erwähnt, dass ich mich immer zuerst selber hinterfrage, wenn jemand Texte von mir missverstanden hat (ja, so was passiert auch einer Texterin…). Vielleicht hat das etwas mit Demut zu tun.

Diese Selbstkritik, liebe Leser, wünsche ich mir auch von Ihnen. Denn da fangen gute Texte an!

Nutzen Sie doch einfach meine Checkliste, um Ihre Texte mit fünf einfachen Handgriffen leserfreundlicher zu machen.

Seien Sie etwas wohlwollender den Menschen in Ihrem Alltag gegenüber und etwas kritischer mit sich selber. Wie gesagt, selbst mir geht es manchmal so, dass jemand nicht direkt versteht, was ich meine.

Und zum Schluss empfehle ich Ihnen meinen Artikel: Warum Kunden ständig nachfragen, was schon auf Ihrer Website steht – Und wie Sie unnötige Nachfragen vermeiden